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Wirtschaftsspiegel

Wirtschaftsspiegel - Ausgabe Mai 2009

Bei uns bekommt jeder eine Chance
Interview mit Markus Wang, Geschäftsführer der Wang Anlagenbau GmbH aus Dülmen, zur Ausbildungssituation in seinem Unternehmen

Wie sieht es zurzeit in Ihrem Unternehmen mit den Auszubildenden aus?
Wang: Wir beschäftigen 84 Mitarbeiter, davon werden ab dem Sommer acht Auszubildende sein. Drei Auszubildende haben gerade erfolgreich ihre Ausbildung zum Anlagenmechaniker, Abteilung Versorgungstechnik, abgeschlossen. Im letzten Jahr haben wir ebenfalls zwei neue Auszubildende eingestellt. Die beiden Hauptschüler haben wir durch ein Praktikum kennen gelernt und sie nach Beendigung des Ferienpraktikums gefragt, ob sie sich vorstellen könnten, bei uns ihre Berufsausbildung zu beginnen.

Für Sie ist ein Hauptschulabschluss also kein Ausschlusskriterium?
Wang: Nein, durchaus nicht. Wir schauen uns den Einzelnen an und versuchen einzuschätzen, ob er zu uns passt. Die ehemaligen Hauptschüler, die nun bei uns ihre Ausbildung absolvieren, sind aus eigener Initiative zu uns gekommen. Während des Praktikums haben sie gezeigt, dass ihnen die Arbeit Spaß macht und sie auch handwerklich geschickt sind. Das hat den Ausschlag gegeben.

Sie beurteilen einen Bewerber also nicht ausschließlich nach dem Schulabschluss. Was gibt es stattdessen für Kriterien?
Wang: Wie haben für unser Unternehmen, grob gesagt, drei wichtige Punkte formuliert, die ein Auszubildender mitbringen sollte. Natürlich ist es wichtig, dass ihm die Tätigkeit Spaß macht. Dann ist Zuverlässigkeit wichtig. Hat jemand schon während eines Praktikums bewiesen, dass er pünktlich ist und man sich auf ihn verlassen kann, dann spricht das für seine Arbeitseinstellung. Drittens sollte ein Auszubildender handwerkliches Geschick vorweisen können. So bitten wir bei Bewerbungsrunden die Bewerber, uns ein kleines handwerkliches Stück zu fertigen. Das kann beispielsweise eine einfache Sägearbeit sein.

Häufig hört man Klagen von Unternehmen, dass sie keine geeigneten Auszubildenden finden. Wie sieht das bei Ihnen aus?
Wang: Wir haben bisher keine Probleme gehabt. Immerhin bilden wir schon seit 26 Jahren aus. Wie gesagt, in den letzten zwei Jahren haben wir unsere Auszubildenden aus Praktika heraus rekrutiert. Wir haben keine Anzeigen geschaltet, trotzdem haben sich 20 bis 30 Bewerber aus eigener Initiative heraus bei uns gemeldet.
In den Jahren davor haben wir eine Anzeige geschaltet. Da bekamen wir über 100 Bewerbungen. Am Ende haben wir dann acht bis zehn Leute zu einer Bewerbungsrunde eingeladen, der sich eine kleine praktische Prüfung anschloss. Meist kristallisieren sich dann die Richtigen heraus.

Können Sie schon bei der schriftlichen Bewerbung erkennen, ob es sich lohnt, diesen oder jenen Bewerber einzuladen?
Wang: Natürlich schauen wir auf die Schulnoten. Es wäre vermessen, das nicht zu tun. Mathematik bzw. Naturwissenschaften, aber auch Werken oder Technik – das sind die Fächer, auf die wir achten. Auch Kopfnoten sagen mit Einschränkung einiges aus. Jemand, der 21 Tage unentschuldigt fehlt, der empfiehlt sich nicht gerade für einen Ausbildungsplatz.

Haben Sie auch schon mal erlebt, dass auch Schulnoten einen falschen Eindruck hinterlassen?
Wang: Ja, es gab bei uns so einen Fall. Ich wurde von einem Bekannten gefragt, ob ich nicht einen Praktikumplatz für einen Neffen hätte, der allerdings im Metallberufskolleg nur Fünfen mit nach Hause brachte. Wir haben es trotzdem versucht, weil der Junge selbst von sich aus etwas machen wollte. Und Sie werden es nicht glauben: Der Meister sprach sehr positiv von dem Jungen. Er war auch handwerklich sehr geschickt. Diese Erfahrung hat den Jungen so motiviert, dass er bald auch in der Schule sehr gute Noten hatte.

Was sagt Ihnen das über Jugendliche und ihre heutige Einstellung zur Ausbildung?
Wang: Es gibt keine faule Jugend. Diese Pauschalisierung trifft nur in den wenigsten Fällen zu. Natürlich sehen wir in den Medien immer wieder abschreckende Beispiele, doch in unserem Alltag erleben wir etwas anderes. Wir sehen Jugendliche, die auch mit einem Hauptschulabschluss über ein gutes Potenzial verfügen. Die Jugendlichen, die ich kenne, machen ordentlich ihren Job und sind mit Begeisterung dabei. Natürlich ist das Münsterland ländlicher geprägt als Städte im Ruhrgebiet. Da mag es vielleicht manchmal andere Fälle geben, das will ich nicht abstreiten.

Es gibt also keinen Grund, jemanden von vornherein abzuschreiben?
Wang: Je höher die besuchte Schulform angesiedelt ist, desto größer sind für den Einzelnen die Möglichkeiten, einen Beruf auszuwählen. Doch ich bin der Überzeugung, dass auch Hauptschüler ihre Chance auf einen guten Ausbildungsplatz verdient haben. Zwar ist ihre Schulform in vielerlei Hinsicht ein Auslaufmodell, doch das macht die Jugendlichen nicht schlechter. Man muss sie fördern und an sie glauben. Schließlich sichern wir uns durch die Auszubildenden unser Wachstum und unsere Zukunft.
Birgit van der Avoort

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